Die philippinischen Notaufnahmen (emergency)

Eine schreckliche Nacht in den Notaufnahmen zweier philippinischen Spitäler

jeepney
Filippinischer Kleinbus "Jeepney"

Mitte Januar 2014 war meine Frau am Sonntagabend bei ihren Freundinnen am Kartenspielen und Snacks. Danach, um circa 1 Uhr morgens, schwang sie sich auf ihren Motorrad und fuhr heimwärts. Irgendwann geschah etwas - vielleicht der Sekundenschlaf - und sie fuhr in einer Kurve geradeaus. Der hinter ihr fahrende Automobilist sah sie samt Motorrad herumpurtzeln und rief die Polizei. Die war schnell vor Ort und schrieb folgender Rapport: "Verletzte Frau durch Selbstunfall, ohne Helm.", da kein Helm gefunden wurde.

NB: Das Helm tragen ist in den Philippinen Pflicht und das Nichttragen eine strafbare Handlung, die in gewissen Städten immer streng geahndet wird.

Danach gelangte meine Frau "irgendwie" in die Emergency-Aufnahme eines nahen, kleinen Dschungelspital am Rande von Tagaytay City.



Die Fakten

Montag morgen, Mitte Januar 2014, um ca. 2 Uhr nachts, rief mich eine mir unbekannte Nummer auf meinen Handy an. Ich nahm nur zögernd ab, da ich gerade schlafen wollte. In schlechtem, amerikanischem Englisch fragte mir ein Polizeibeamter ob ich eine gewisse Vilma (mit meinem Nachnamen) kenne. Die Nummer habe er auf dem Handy von Vilma zuoberst gefunden. Sie sei in der Notaufnahme des kleinen, örtlichen Spitals eingeliefert worden.

Ohne zu zögern stürmte ich aus dem Haus und erreicht Minuten später mit meinem eigenen Motorrad die besagte Notaufnahme. Ich fand sie in tiefer Ohnmacht, flach auf dem Rücken liegend auf einer Pritsche und begann sich zu übergeben. Also in einer absolut tödlichen Lage für einen Verletzten. Niemand kümmerte sich um sie. Das Personal war mit Schwatzen beschäftigt.

Als dunkelbraune Philippinin, mit den hiesigen Kleidern angezogen, hatte man einfach angenommen dass sie sowieso keine Moneten und keine Krankenversicherung hätte und so hatte man sie auf dem Rücken liegend auf einer Pritsche "geschmissen". Als dann ihr kreidenbleicher, weisse Mann auftauchte änderte sich die Meinung schlagartig (no comment).

Meine Frau bewegte sich gar nicht mehr. Auch ein Zurufen nützte nichts. Die Oberschwester der Notaufnahme rüttelte sie dann lachend (ja sie lachte dabei) auf, bis ein Augenzwinkern aufkam. Ich bat sie jetzt meine Frau - wo man Knochenbrüche und Rückgratdefekte annehmen konnte - nicht mehr so hart anzufassen. Sie meinte ich soll mich beruhigen.

Nun bot man mir meine ohnmächtige Frau mit dem Krankenwagen ins bessere Spital zu fahren und dort behandeln zu lassen. Ich sagte augenblicklich zu.

Da packten 2 Männer meine "leblose" Frau und schmissen (JA vom Verb SCHMEISSEN!) sie auf der Pritsche des Krankenwagen, als sei sie ein Sack voll Reis. Ich war versteinert und bereits unter Schock und konnte nur noch tatenlos zuschauen. Danach ging es sirenenheulend durch die leeren Strassen der schlafende Stadt bis zum mittelgrossen, funkelnagelneue Spital, der gerade 2 Jahre auf dem Buckel hatte. Während der Fahrt musste ich selbst meine Frau halten, sonst wäre sie von der ungesicherten Pritsche runtergefallen. Die äusserst harte Federung des umgebauten Lieferwagen lies nichts gutes erahnen.

Dort angekommen übernahmen die Männer des neuen Spitals das ganze Prozedere und hatten weitaus mehr Sorge zum Body meiner besseren Hälfte, da auch diese Annahmen, dass mehrere Knochenbrüche zu erwarten seien. Während den Röntgenaufnahmen begann dann meine Frau leben zu zeigen und übergab sich mehrere male. Dabei bemerkte ich, dass die Notfallaufnahme keine besondere Beachtung dem ausgekotzten Blut gab und der Putzmann nicht in der Lage war sauber zu reinigen. Er war einfach zu tolpatschig und was eine Bürste war, hatte er scheinbar nicht einmal in der Schule gelernt.

Innert 20 Minuten war die "Emergency" in der Lage mir mitzuteilen, dass keine Knochenbrüche zu finden seien und der Kopf meiner Frau, mit Ausnahme der Kratzer im Gesicht, absolut in Ordnung sei. Sie zeigten mir sogar die frischen Aufnahmen. Meine Frau hatte ausser Kratzer und blaue Flecken "nur" eine schwere Hirnerschütterung davon getragen.

Nach weiteren 30 Minuten fragte man mich ob meine Frau eine Kranken- oder Unfallversicherung habe und nach meinem Verneinen bat man mir 5'000 Peso im Voraus zu zahlen. Ich bat um 10 Stunden zeit, damit ich auf die Bank gehen konnte und die Spitaladministration erlaubte das. Danach kamen die Fragen nach Privat, Halbprivat oder Allgemein und ob ich einen eigenen Doktor hätte. Ich sagte dann Allgemein und ohne Doktor da ich die Lage hier deutlich einschätzen kann. Nach weiteren 30 Minuten lag dann meine Frau in einer allgemeinen Abteilung und man kümmerte sich um sie. Der Service des Hospitals war gut und sehr freundlich und die neuen Zimmer waren sehr sauber.

Als es Tag wurde bat ich meinen Kindern die Aufsicht zu übernehmen und fuhr zur Polizei. Ich bat dann die Polizei mir die Sachen meiner Frau (Telefon, Geldbeutel usw.) und den Helm zu übergeben. Der Polizist der mich bediente sagte mir sofort in sehr freundlichem aber bestimmten Ton, dass meine Frau keinen Helm getragen hätte. Er gab mir aber sofort die anderen Sachen, nachdem ich ihm meine ID gezeigt hatte. Als ich dann nach dem beschlagnahmte Motorrad fragte, wies er mich nach einer höheren Stelle in der Stadt.

Ich konnte es einfach nicht glauben dass meine sicherheitsbewusste Frau, um Mitternacht, mit ca. 12C, ohne Helm herumfuhr. Die Kälte - mit 65% Luftfeuchtigkeit vermischt - war ja nicht auszuhalten.

Ich fuhr danach wieder ins Spital zurück und organisierte mit den Kindern die Aufsicht über die Mama.

Nun fuhr ich zum kompetenten Polizisten - aber nicht ohne vorher ein Handyfoto des Kinnes meiner Frau gemacht zu haben. Darauf sah man klar den Bluterguss den der Riemen ihres Helmes unter dem Kinn hinterlassen hatte. Es war ein klarer Streifen. Das zeigte ich dem höheren und sehr freundliche Polizeibeamten und erklärte ihm, dass bis auf die Kratzer im Gesicht der ganze Kopf meiner Frau komplett unverletzt sei. Die Kratzer und blaue Flecken im Gesicht waren die Folgen eines "offenen" Helmes ohne Kinnschutz. So wie es meine Frau gerne trug. Zudem sagte ich ihm freundlich, dass ich den Helm zu Hause nicht gefunden hätte. Er muss beim Aufprall im dichten Busch geflogen sein, nachdem er aber sauber seinen Dienst erledigt hatte. Der Polizeibeamte glaubte mir und gab mir den Fahrausweis meiner Frau zurück und auch die Erlaubnis das lädierte Motorrad abholen zu lassen.

Dem ausgezeichneten Schutzengel meiner Frau werde ich noch eine Kerze widmen.

Fazit:

  • Die Notaufnahme des kleinen Spitals im philippinischen Busch war katastrophal und das Personal braucht dringend eine Umschulung.
  • Das Funkelnagelneue Spital, dessen Personals zwischen 19 - 35 Jahre Jahre alt ist, war für dieses Alter sehr gut, aber braucht ein wenig mehr Erfahrung. Dann wird es bestimmt ein ausgezeichnetes Spital werden. Aber diese Jungmannschaft gibt sich alle Mühe um es recht zu machen. Weiter so!
  • Der philippinischen Polizei kann ich nur die Bestnote "excellent" geben. Sie waren sehr freundlich, menschlich und ohne die Bestimmtheit zu verlieren, die ein Polizeibeamter braucht um seinen Beruf ausüben zu können.
  • Nachtrag vom 5.01.2015

    Letzte Woche war ich mit meiner hochschwangere Stieftochter wieder in die Notaufnahme des erstgenannten Busch-Hospital. Aber es war kein Arzt da. Draussen aber die grosse Überschrift "Hospital ng Tagaytay". Daraufhin habe ich natürlich den Spital sofort gewechselt und bin zur Notaufname des letztgenannten Spitals gegangen.

    hospital olivarez tagaytay city
    Medical Center Olivarez, Tagaytay City

    Dieses mittlere Hospital, das eigentlich mehr ein Medical Center darstellt, wird von einer herzerfrischenden Mannschaft geleitet. Krankenschwestern und -Pfleger zwischen 19 bis 25 Jahre und Oberschwestern und Ärzte zwischen 25 und 35 Jahre. Klar sind sie noch ein wenig tolpatschig bei der Arbeit, aber geben sich alle Mühe doch freundlich und professionell zu arbeiten. Es handelt sich um eine engagierte Mannschaft die Zukunft hat. Ich jedenfalls, war äusserst zufrieden mit dem gebotenen Service.